
Heđin Brú war einer der ersten Autoren, der in der färingischen Sprache schrieb. 1940 kam der Roman heraus. Eine bedeutende Entscheidung, denn bislang hatte es fast nur Literatur in dänischer Sprache von der Inselgruppe gegeben. Die hier besprochene Ausgabe wurde 2015 von Richard Kölbl neu übersetzt und erscheint nun in der 3. Auflage.
Klaus Böldl hat ein Glossar für die speziellen färingischen Ausdrücken angefügt, zudem ein sehr informatives Nachwort, mit dessen Lektüre ich empfehle anzufangen.
Der Roman spielt in den 1930er Jahren auf der rauen Inselgruppe der Färöer, als die modernen Zeiten auch dorthin gelangen. Der siebzigjährige Fischer Ketil ist jedoch noch ganz vom alten Schlag. Er ist den Traditionen verhaftet, arbeitet praktisch immer, lebt in einer Hütte, die mit Birkenrinde und Grassoden bedeckt ist und hätte das Gefühl, seine Ehre zu verlieren, wenn er Schulden machen müsste. Zwar macht er sich das Leben dadurch schwer, wirkt bisweilen ungeschickt, aber von seinen Überzeugungen lässt er nicht.
Seine Kinder, vor allem die älteren Söhne, versteht er nicht mehr. Sie leben in Steinhäusern, haben ein Motorboot und ein Auto und dafür Kredite bei der Bank aufgenommen. Es geht ihnen darum, gut zu leben. Die Schwiegertöchter rümpfen über der Armut der Alten nur die Nase. Nur Kálvur, der jüngste Sohn lebt noch bei den Eltern. Er muss dem Vater helfen, was der eher widerwillig tut, da er lieber mit der Nachbarstochter schmust.
Gleich zu Beginn werden Grindwale gejagt. Das ist Tradition auf den Färöern. Die Wale haben sich in einen Fjord verirrt und können nicht zurück ins offene Meer, weil die Boote der Fischer ihnen den Weg versperren. Sehr drastisch und ungeschönt schildert Brú das Abschlachten der Tiere. Auch Ketil und sein Sohn sind mit ihrem Ruderboot dabei. Die gemeinsame Beute wird anschließend versteigert. Doch zuerst gibt es ein Fest. Bei dem trinkt Ketil zu viel Alkohol, sodass er danach ei viel zu großes und zu teures Stück Walfleisch ersteigert. Wieder nüchtern geworden entdeckt er, was er angerichtet hat. Sechs Monate bleiben ihm und seiner Frau, Geld aufzutreiben. Ketil sammelt Treibholz, macht das alte Boot wieder flott und geht fischen. Er fängt Vögel und spinnt Wolle, damit seine Frau Pullover stricken und verkaufen kann. Am Ende wird es nicht reichen. Das Ehrgefühl der beiden Alten lässt es jedoch nicht zu, Schulden aufzunehmen. Lieber verkaufen sie das Letzte, was sie an Wertvollem besitzen – ihre Kuh.
Heđin Brús Sprache ist klar und schnörkellos und passt somit genau zu dieser eindrucksvollen, kargen Natur und den Menschen. Tragische und komische Szenen folgen aufeinander. Der Autor beschreibt seine Protagonisten durchaus mit Sympathie und Verständnis. Das, sowie die wunderschöne Gestaltung, wie immer beim Guggolz-Verlag, machen diesen schmalen, besonderen Roman aus einem abgelegenen Land zu einem echten Lesevergnügen.
Heđin Brú, Vater und Sohn unterwegs, Guggolz-Verlag Berlin, 3. Aufl. 2023, 205 S., 22 €