Spatriati

Auf dem Cover springt eine junge Frau scheinbar vom Kirchturm ins Leere. Das kann nur Claudia sein, eine der Protagonist*innen des Buches, eine Spatriata. Spatriati nenn man in Apulien „die Unbestimmten, die aus der Art Schlagenden, die Spinner, die Ziellosen und Alleinstehenden.“(Klappentext) Außer Claudia gehört dazu ihr Freund Francesco, den seine Mutter „schwarze Traube“ nennt, ein sensibler, gar nicht tatkräftiger Teenager. Er ist der Erzähler, aus dessen Perspektive die Story präsentiert wird. Seit der Schulzeit am humanistischen Gymnasium sind Claudia und Francesco befreundet, nicht zuletzt weil seine Mutter die Geliebte ihres Vaters ist, was in der engen Gesellschaft einer mittelgroßen Stadt wie Martina Franca nicht unbemerkt bleibt. Das Verhältnis ist sehr ungleich. Während Francesco Claudia leidenschaftlich liebt, sieht sie in ihm mehr den kleinen Bruder. Trotzdem bleibt eine tiefe, lebenslange Freundschaft bestehen.

Claudia und Francesco gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Rolle als Spatriati um. Während er sich stumm anzupassen versucht, sich in der Kirche engagiert und die Geschlechterrollen akzeptiert, flieht sie aus der Provinz, in der sie zu ersticken glaubt. Sie geht für insgesamt zehn Jahre nach Mailand, studiert und arbeitet nach dem Abschluss in der Personalabteilung einer Firma, wo sie gut verdient.

Francesco studiert nur kurz in Bari, kehrt dann zurück und baut eine gutgehende Immobilienfirma auf. Aber glücklich ist er nicht, denn er kann nie er selbst sein.

Als Claudia beruflich nach Berlin wechselt, gibt er alles auf und folgt ihr. Es wird für beide ein Akt der Selbstbefreiung. Befreiung von bisher geltenden Normen, von materiellem Ballast, von Ehrgeiz und Karrierestreben, trotz mancher Rückschläge. Berlin ist völlig anders als alles bisher Gekannte. Überhaupt arbeitet @mario_desiati mit Gegensätzen: Italien und Ausland, Großstadt und Provinz, Business und Kultur. Es gibt sechs Teile und einen Epilog. Ihnen allen ist jeweils ein thematisch leitendes Substantiv vorangestellt, dessen Bedeutung auch erklärt wird. So erfährt man beispielsweise, dass ein Malenvirne ein maskulines Substantiv ist und Spielverderber bedeutet, eine Person, die das Gleichgewicht zerstört. Desiati kann wunderbar erzählen. Dialoge wechseln gekonnt mit Beschreibungen, Reflexionen. Das macht diesen poetischen, von leiser Melancholie durchzogenen Roman über Ablösung und Selbstfindung so lesenswert.  

Das Buch wurde 2022 mit dem bedeutenden italienischen Strega Preis ausgezeichnet.

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