
Während meines Skandinavistik-Studiums begegnete mir Jon Fosse zum ersten Mal. Wir lasen im Seminar eines seiner Theaterstücke, wie immer auf Nynorsk geschrieben. Nicht ganz einfach für jemanden, dessen Sprachen Schwedisch und Dänisch, nicht aber Norwegisch war.
Aber der Autor ließ mich nicht mehr los, inhaltlich nicht und sprachlich. Nach einer Reihe von Theaterstücken fing ich an, Prosa zu lesen. Heute kann ich feststellen, dass die anfängliche Faszination nichts an Intensität eingebüßt hat.
Jon Fosse, 1959 in Haugesund geboren, gilt nicht nur als einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller, sondern auch als einer wichtigsten in Europa. Zahlreiche angesehene Literaturpreise zeugen davon und 1923 erhielt er den Nobelpreis in Literatur. In der Begründung des Nobelpreiskomitees hieß es unter anderem, dass er dem Unsagbaren eine Stimme gebe. Das findet sich auch in dem neuen Werk.
„Vaim“ ist angelegt als erster Band einer neuen Trilogie. Erneut finden sich die Lesenden wieder an der Westküste Norwegens, lesen sie wieder über Liebe, Tod und Einsamkeit.
Drei Männer kommen als Erzähler zu Wort: Jatgeir, Elias und Frank.
Jatgeir fährt mit seinem Boot, einer Schnigge, nach Bjørgvin (der alte Name für Bergen), um Nadel und Faden zu kaufen. Er muss lose Knöpfe annähen. Es erweist sich als schwierig, diese Kurzwaren zu bekommen. Neue Kleidung gäbe es genug, aber die will und braucht er nicht. Obwohl ihm bewusst ist, dass er von den Großstädtern furchtbar über den Tisch gezogen wird, kauft er eine halbleere Rolle Garn und eine Nadel.
Auf dem Heimweg nach Vaim macht er an einer kleinen Insel Halt, wo es einen Kaufladen gibt. Doch dort geschieht dasselbe. Es wird wieder ein überhöhter Preis verlangt. Aber nicht nur das geschieht. Plötzlich steht Eline, seine Jugendliebe, nach der er das Boot benannt hat, vor ihm und verlangt, dass er sie mit nach Vaim nimmt. Sie ist zwar verheiratet, will aber weg von ihrem Mann, den sie Frank nennt.
Eline bestimmt nicht nur über Jatgeir sondern auch über die anderen beiden Männer. Die Männer reden, aber Eline macht ihnen klar, was sie zu tun haben. Sie selbst kommt im Text nicht zu Wort. Besonders der sozial isolierte Elias leidet darunter, dass in all den Jahren von Elines Anwesenheit, der Kontakt zwischen Jatgeir und ihm unterbunden wurde.
Nach Jatgeirs Tod kehrt die resolute Eline zu ihrem Mann zurück, dem letzten Erzähler und einzigen Überlebenden, dem völlig klar ist, dass sie wieder alles entscheiden wird.
„und ich verstehe, was sie sagt und ich verstehe, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und so ist es, und so wird es wohl auch immer bleiben, denke ich“
Trotz des wenigen äußeren Geschehens geschieht viel zwischen den Zeilen, in dem andauernden Stream of Conciousness der Erzähler. Es gibt ständige Verschiebungen, Namensänderungen, Geisterstimmen, unklare Grenzen zwischen Erinnerung, Traum und Realität. Die Identitäten erscheinen fließend. Jatgeir heißt eigentlich Geir, Elines Taufname ist Josefine und Frank wird nur von Eline so genannt. Eigentlich heißt er Olav.
Der ganze Roman besteht aus einem einzigen Satz. Es gibt nur Kommata, dafür fließenden Rhythmus und Musikalität. Kein Buch für die schnelle Lektüre zwischendurch, aber ein absolut bereicherndes Werk.
Wie immer genial übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, der die atmosphärische Dichte voll eingefangen hat.