Imperium

Christian Kracht wird verkraften können, dass ich nicht zu seiner Fan-Gemeinde gehören und kein weiteres Buch von ihm lesen will.

Eine Freundin hatte mir „Eurotrash“ geliehen, dieses autofiktionale Roadmovie des Erzählers mit seiner kranken, dementen Mutter durch die Schweiz. Dabei kommen der Aufstieg der Familie in den Geldadel, das Nazitum des Großvaters und ein traumatischer sexueller Missbrauch in der Kindheit zur Sprache.   

Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen. Es war mir zu viel manierierte Selbstinszenierung.

„Imperium“, eine Südseeballade, war also der zweite Versuch. Darin wird die Geschichte der historischen Figur August Engelhardt erzählt. Ein merkwürdiger Aussteiger, ein Apothekergehilfe, der durch die Lebensreformbewegung zum Nudisten und Vegetarier wurde. Er will weg aus der bürgerlichen Enge des wilhelminischen Kaiserreichs und reist nach Deutsch-Neuguinea. Dort kauft er die Insel Kabakon mit einer Kokosplantage. Er will auf der Insel einen Sonnenorden gründen und sich ausschließlich von Kokosnüssen ernähren, der Frucht, die der Sonne am nächsten reift. Ohne von Ökonomie eine Ahnung zu haben, versucht er vergeblich, Kokosöl und andere aus der Kokosnuss gewonnenen Produkte zu vermarkten.

Tatsächlich kommen einige wenige Männer nach Kabakon, wie Heinrich Aueckens und Max Lützow, auch sie historische Personen, ebenso wie der Gouverneur Albert Hahl. Doch sterben einige schon bald aus nicht geklärter Ursache. In allen Fällen jedoch gibt es Probleme beim Zusammenleben.

Ähnlich wie Robinson im Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe hat auch Engelhardt einen einheimischen Diener, Makeli, dem er durch Vorlesen Deutsch beibringt.

Der historische Engelhardt stirbt nach dem Ende des 1. Weltkriegs, einsam, völlig verarmt und wahnsinnig geworden.

Der Engelhardt in Krachts Roman wird nach dem Ende des 2. Weltkriegs von afroamerikanischen Soldaten in einer Höhle auf einer Solomon-Insel gefunden, zum Skelett abgemagert, aber am Leben und lernt durch sie noch Cola und Hotdogs kennen.

Kraft schreibt in einer altertümlichen Sprache, die an Thomas Mann und Hermann Hesse erinnert und mich zunehmend irritiert hat. Ich gehe deshalb davon aus, dass er eine Satire auf die Deutsche Kolonialpolitik bzw. den Kolonialismus überhaupt schreiben wollte. Auf eine Satire deuten auch Kolonialismus-Klischees und übertriebene Südseeromantik hin.

Dazu mischt er fiktive und reale Orte und Personen, ein Strukturprinzip des Romans, erzählt außerdem nicht chronologisch, sondern arbeitet mit Analepsen und Prolepsen und verschiebt neben Orten und Personen auch die Zeit.

Jede Menge intertextueller Bezüge sollen den Leser/innen wohl zeigen, wie belesen der Autor ist. Selbst wenn man nur selten etwas googeln musste, konnte das penetrant wirken. „Imperium“ ist ein Roman, der auch für den Untergang des Kaiserreichs und den katastrophalen Deutschlands nach der Herrschaft der Nationalsozialisten steht. Ich kann mir vorstellen, dass viele ihn unterhaltsam und gut erzählt finden. Mich hat er nicht bereichert.

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