Sehr geehrte Frau Ministerin

Meine erste Begegnung mit Ursula Krechel war 2012 ihr Roman „Landgericht“, der nicht nur mich beeindruckte, sondern auch die Jury für den Deutschen Buchpreis so, dass ihr dieser zugesprochen wurde.

Jetzt, 2025, also „Sehr geehrte Frau Ministerin“, und wieder gibt es einen Preis, nicht nur für dieses Buch, sondern für das Gesamtwerk: den höchsten deutschen Literaturpreis, den Büchner-Preis.

Der Roman ist raffiniert konstruiert, ein sehr gegenwärtiger Roman, obwohl es auf den ersten Blick nicht so scheint, spielen doch die römische Geschichte und der Geschichtsschreiber Tacitus eine Rolle.

Rom unter Nero ist hier ein Spiegel für gegenwärtige politische Entwicklungen. Mit Hilfe seiner Mutter Agrippina, der Gründerin Kölns, war Nero nicht zuletzt durch Intrigen an die Macht gekommen. Intelligent und gut ausgebildet durch Seneca, achtete er am Anfang noch die römische Verfassung und den Senat. Mit zunehmendem Alter wurde er aber immer skrupelloserer, schaltete den Senat aus und agierte als Alleinherrscher. Seine Mutter, die ihm zu mächtig erschien, verbannte er zuerst und ließ sie dann umbringen.

Mit diesem Blick in die Vergangenheit rücken zwei zentrale Themen des Buches in den Focus:

Das Mutter-Sohn-Verhältnis und die Gewalt, genauer, die Gewalt gegen Frauen.

Drei Protagonistinnen aus unterschiedlichen Milieus, deren Schicksale jedoch gekonnt miteinander verflochten werden, begegnen den Lesenden zeitgleich. Der Schauplatz ist Essen:

Da ist Eva Patarak, Verkäuferin in einem Kräuterladen, die ihren Sohn Philipp alleine großgezogen hat. Sie muss hilflos mit ansehen, wie er sich ihr mehr und mehr entzieht, nicht mehr mit ihr redet, durch sein Schweigen gleichsam Zwang ausübt ihr gegenüber, wie er nur noch in seinem Zimmer am PC sitzt und verwahrlost. Sein Studium hat er längst geschmissen, zum Haushaltseinkommen trägt er nichts bei. So bleiben Eva Patarak kaum Möglichkeiten, selbst schöne Dinge zu erleben.

Viele Male taucht in ihrem Laden eine Frau mit roter Wollmütze auf und kauft Kräuterbonbons. Es ist die Lateinlehrerin Silke Aschauer, die mit ihren Schüler/innen im Unterricht die „Annalen“ des Tacitus liest und so den Bogen zur Vergangenheit schlägt. Sie ist außerdem die Erzählerin, weil sie gerne schreibt und dies sehr intelligent auf metafiktionale Weise tut. Immer wieder wird der Erzählfluss durch kurze Reflexion über das Schreiben oder die Situation unterbrochen. Eva Patarak will jedoch nicht, dass die Lehrerin ihre Geschichte erzählt – wer die Geschichte erzählt, erzählen kann, übt Macht aus – und wendet sich hilfesuchend mit einem Brief an die „Sehr geehrte Frau Ministerin“.

Aber Silke Aschauer erzählt auch ihre eigene Geschichte, auch auf sie wird Gewalt ausgeübt und zwar von ihrem eigenen Körper. Sie leidet unter so starken Regelblutungen, dass ihr eine operative Entfernung der Gebärmutter empfohlen wird, was sich dann auch als notwendig erweist.

Die dritte Protagonistin ist die namenlose Justizministerin, die mit ihrem Ehemann und kleinen Sohn in einem Einfamilienhaus lebt. Ihr liegt besonders am Herzen, das Vertrauen in den Rechtsstaat zu stärken. In diesem Kapitel wird viel berichtet über politische Abläufe, nicht ohne ironische Distanz. Als Ministerin erhält sie oft abstruse, oft beleidigende Mails, sprachliche Gewalt! Sie ist durch ihren Beruf viel abwesend und will deshalb das Wochenende ganz für die Familie da sein. Als während des gemeinsamen Frühstücks vor dem Haus eine Blaskapelle auftaucht und Musik macht, rennt der kleine Sohn noch im Pyjama hinaus, um nachzusehen, was da los ist. Die Ministerin läuft hinterher, um ihn zurückzuholen – und läuft dem Attentäter ins Messer.

Er heißt Philipp Patarak.

„Sehr geehrte Frau Ministerin“ ist ein Buch über Frauen und ihre Lebenswirklichkeit. Sie stehen im Mittelpunkt, über die Männer, die Söhne erfährt man vergleichsweise wenig. Es ist ein kluges Buch, ein komplexes Buch, sprachlich einfach großartig. Es ist ein Buch, das man nicht zuletzt wegen häufig wechselnder Perspektiven konzentriert lesen muss, um seine hohe Qualität schätzen zu können.

Ursula Krechel ist 1947 in Trier geboren und lebt in Berlin.

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