
Erste Sätze haben es in sich. „Übung in Gehorsam“ beginnt mit den Sätzen:
„Es war das Jahr, als die Sau ihre Ferkel aus der Welt schaffte. Es war eine rasante und bedrohliche Zeit.“ (S.11)
Das zeigt bereits, dass der nun folgende Monolog der namenlosen Ich-Erzählerin von etwas Problematischem erzählt. Auch die Überschrift des ersten Kapitels stimmt nachdenklich: „Wieder ein Anfang.“ Was bedeutet das Wort wieder?
Doch die Autorin fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus. Erst allmählich erschließt sich, um was es der Ich-Erzählerin geht, worum ihre Gedanken kreisen.
Sie hat ihre Arbeit als Phonotypistin in einer Anwaltskanzlei gekündigt, weil ihr ältester Bruder sie gebeten hat, zu ihm in eine ebenfalls namenlose Kleinstadt im Norden zu kommen als seine Haushälterin, nachdem ihn Frau und Kinder verlassen haben. Er wohnt dort, wo auch die Vorfahren wohnten, in einem herrschaftlichen Haus am Rande der Stadt.
Es ist für sie selbstverständlich, dass sie seinen Wunsch erfüllt, denn von klein auf ist sie, die Jüngste, gewohnt, sich den älteren Geschwistern unterzuordnen und ihnen zu Diensten zu stehen.
„Ich war das jüngste Kind, das jüngste von vielen – mehr als zu erinnern mir lieb ist-, um die ich mich schon als kleines Mädchen kümmerte, noch bevor ich selbst zu sprechen vermochte, und obwohl meine motorischen Fähigkeiten damals kaum ausgebildet waren, wurden sie, meine vielen Geschwister, mir anvertraut.“ (S.11)
Das klingt nicht glaubhaft, ist eine von mehreren sinistren Punkten des Romans.
Die Erzählerin kennt niemanden in der Kleinstadt. Sie spricht auch die Sprache nicht, muss versuchen, sich mit Handzeichen verständlich zu machen.
Als ihr Bruder auf eine längere Geschäftsreise geht und sie irgendwann in die Stadt gehen muss, um Lebensmittel einzukaufen, bemerkt sie, dass niemand sie anblickt, dass keiner grüßt, dass Mütter schnell das Verdeck des Kinderwagens hochklappen, wenn sie vorbeigeht. Einmal traut sie sich, ins Café zu gehen, Kaffee und Kuchen zu bestellen. Eine gespenstische Situation entsteht, weil alle dort Anwesenden verstummen, heimlich das Kreuzzeichen machen und weder weiteressen noch trinken.
Sie hat sich zu ehrenamtlicher Tätigkeit auf einem Bauernhof verpflichtet, aber das wird nicht anerkannt und sie wird nicht akzeptiert. Im Gegenteil. Alles Unheil, das seit ihrer Ankunft passierte, wird ihr in die Schuhe geschoben: Rinderwahnsinn, Hühnerpest, die Totgeburt eines Lammes, Kartoffelfäule und, besonders abstrus, die Scheinschwangerschaft einer Hündin.
„Überall, mein Leben lang war ich eine Zugezogene gewesen, eine Außenweltlerin, manchmal ein Eindringling, seltener eine Komplizin; irgendwas in meinem Blut vermittelte mir das Gefühl, dass ich irgendwie merkwürdig war, fremd, nicht vertrauenswürdig.“ (S. 69)
Während der Abwesenheit ihres Bruders versucht sie, in der Natur einen Ausgleich zu finden. Sie liebt die Natur, fühlt sich aber doch fremd, da sie die Flora nicht kennt und die Sprache nicht kann, sind die Spaziergänge keine wirkliche Entlastung.
Allmählich wir den Lesenden klar, dass die Ablehnung, ja Feindseligkeit gegenüber Fremden mit Antisemitismus zu tun hat. Sie ist Jüdin, ihre Vorfahren waren hier längere Zeit und sie weiß von den Städtern, dass
„[…] deren Vorfahren Seite an Seite neben meinen gelebt und gearbeitet hatten, mit ihnen das Brot gebrochen, unter demselben Himmel gelebt, dieselbe Kälte, denselben Mehltau, dasselbe Hochwasser, dieselben Katastrophen erlitten hatten, eine Zeitlang, eine Zeitlang.“ (S.52)
Doch dann begann eine Zeit des Judenhasses und der Pogrome. Der Großvater konnte gerade noch rechtzeitig fliehen und auswandern. Ein Geschehen, über das die Familie absolut schweigt. Braucht sie die Erzählerin als Dienerin und Sündenbock, um die Überlebensschuld zu kompensieren? Oder fällt einem Mitglied, dem schwächsten diese Rolle zu, um selber überhaupt ein Selbstwertgefühl entwickeln zu können?
Die Erzählerin, die sich ihr Leben lang untergeordnet hat, die mitlacht, wenn über sie hergezogen wird, die sich völlig minderwertig fühlt, die immer schweigt und zustimmt, verfügt über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, mit der sie andere Menschen durchschaut. Durch Schweigen und Lächeln übt sie Macht aus.
„Für diese Menschen war mein Schweigen ein Vorwurf, ein Druck an den Rändern ihres Bewusstseins, ein schreckliches Wissen, das sie sich nicht eingestehen wollten und das ich ihnen täglich vor Augen hielt. Schweigend, ja, denn Worte haben uns mehr als einmal von der Wahrheit weggeführt.“ (S.141)
Als ihr Bruder zurückkommt, ändert sich das Verhältnis der Geschwister. Er, der immer Dominierende wird krank, bekommt eine mysteriöse Krankheit trotz ihrer intensiven Pflege. Die Erzählerin jedoch opfert sich nicht mehr auf bis zur Selbstauslöschung. Mit „Ich lebe, ich nehme mir das Recht auf mein Leben“ endet der Roman.
Ein Roman mit starker Sogwirkung, großer Eindringlichkeit und einem ganz eigenen Ton. Aus dem Englischen großartig übersetzt von Beatrice Faßbender.