Die Schwestern

Ett öga rött (Das Kamel ohne Höcker) war Khemiris erster Roman und der erste, den ich von ihm las und mich zum Khemiri-Fan machte.

Seinen neuen Roman „Systrarna“ (Die Schwestern) habe ich zuerst auf Deutsch gelesen, weil mir erst im Herbst eine Freundin die schwedische Ausgabe mitbringt. Aber da die Ursel Allenstein übersetzt hat, kann ich darauf vertrauen, dass ich eine überzeugende Übersetzung vor mir habe.

Im Gegensatz zu den früheren Romanen, ist dieser sehr umfangreich: 732 Seiten, 7 immer kürzer werdende, immer kürzere Zeitspannen umfassende Bücher, 137 Kapitel. Die erzählte Zeit umfasst 35 Jahre.

Der Erzähler Jonas, eine fiktionalisierte Figur des Autors Jonas Hassen Khemiri, hat wie dieser eine schwedische Mutter und einen tunesischen Vater. Die Familie lebt in Drakenberg auf Södermalm, dem „Chicago Stockholms“.

„Für Jonas ändert sich alles, als Ina, Evelyn und Anastasia in seine Nachbarschaft ziehen. Wo sie auch auftauchen, eilt den drei Schwestern Mikkola der Ruf des Mysteriösen voraus, sie faszinieren den Erzähler, nichts will er mehr, als in ihrer Nähe zu sein. Die Mikkola-Schwestern sprechen Englisch miteinander, ihre Mutter ist eine tunesische Teppichhändlerin, wer ihr Vater ist, weiß niemand. Vor allem aber lastet auf ihrem Leben ein Fluch, der besagt, dass sie alles, was sie lieben, verlieren werden. Doch die drei halten zusammen, egal, was passiert. Dabei können sie unterschiedlicher nicht sein, die ernsthafte, verantwortungsvolle Ina, die verträumte, immer von Menschen umgebene Geschichtenerzählerin Evelyn und die chaotische, explosive Anastasia. Dem Erzähler wird klar, dass die Schwestern mit seiner Familie und der Vergangenheit seines Vaters eng verflochten sind. Über dreißig Jahre kreuzen sich ihre Leben immer wieder, in Tunesien, Schweden, den USA, sie erleben Liebesgeschichten und Lebenskrisen.“ (Klappentext) 

Der Plot ist nicht leicht zu erzählen, denn es gibt viele Personen, die teilweise nur kurz auftauchen, viele Handlungsstränge, Nebenhandlungen, die nicht zu Ende geführt werden, sodass der Roman wie ein Gewebe erscheint, bei dem noch lose Fäden herunterhängen. Die Kapitel wechseln sich mit dem Fokus auf das Leben der Schwestern und dem des Erzählers ab, sodass er sich ein Stück weit in ihre Geschichte einschreibt. Das ist einfach nur gut gemacht.

Mir erschien der Inhalt eher szenenhaft aufgebaut und ich fand dies zum einen bestätigt durch Evelyn, die sich mit Tschechow und seinem Drama „Drei Schwestern“ beschäftigt hat und bei der Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule daraus auf unglaublich eindrucksvolle Weise rezitiert (S. 551), zum anderen an der Stelle auf S. 575:

„Aber Anastasias Leben war kein Buch, weit gefehlt, ihr Leben war nur eine Reihe zufällig aufeinanderfolgender Szenen, und manchmal, in äußersten Ausnahmefällen, hatte sie das Gefühl  gehabt, alles ergäbe einen Sinn, und ihr Leben sei Teil einer größeren Erzählung, die mit der Vergangenheit und der unausweichlichen Zukunft zusammenhing, doch dann, als die Wirkung der Drogen in ihrem Körper nachließ, war sie wieder in ihrem eigenen Körper und der Zufälligkeit aller Dinge“.

Auch Khemiri muss sich mit Tschechow auseinandergesetzt haben. Auch seine Schwestern sehnen sich nach einem erfüllten Leben. Wie in Tschechows Dramen gibt es diese Monologe und Dialoge, die irgendwie enden, ohne Ziel, ohne Weiterführung. Der Text setzt sich mit den großen existentiellen Fragen nach Herkunft und Identität, nach einem sinnerfüllten Leben und dem Umgang mit Zeit auseinander. Dies geschieht bei aller Schwere dieser Fragen mit einer gewissen Leichtigkeit und mit Humor. Wunderbar die Sprache: lange Sätze wie fließende Melodiebögen.

Die Konstruktion ist raffiniert: Das erste Buchumfasst ein Jahr, das Jahr 2000, beginnend mit der Silvesterparty, auf der man alle drei Schwestern kennenlernt und Ina ihrem späteren Ehemann begegnet. Das zweite Buch, drei Jahre später erzählt nur von sechs Monaten. 2009 sind es nur noch drei Monate und das letzte Buch, indem das Geheimnis um den Fluch aufgelöst wird, dauert eine Minute.

Die Frage ist, hat sich der Erzähler Jonas diese Konstruktion ausgedacht oder hat er sie womöglich von Evelyn geklaut? Er trifft sie in New York, wo sie ohne Papiere lebt und seit Jahren an dem Monolog arbeitet, den sie eigentlich zum Abschluss der Prüfung für die Schauspielschule hätte verfassen und halten müssen und den sie nun dem Erzähler unterbreitet.

Auf diese Weise bleibt für die Leser unklar, was ist Fiktion, was Wahrheit. Will der Autor die Leser ein bisschen reizen? Fakt ist, dass Jonas Hassen Khemiri einen großen und zugleich sehr unterhaltsamen Roman geschrieben hat – große Literatur. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Jonas Hassen Khemiri, Die Schwestern. Roman. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. Rowohlt Verlag

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