Die Sprache der Möwen

Schon das erste Gedicht dieses schön gestalteten, zweisprachigen Gedichtbandes hat mich begeistert. Es beschreibt die karge Schönheit der nordischen Natur:

„Es ist gewiss merkwürdig, aber ich

sehe durchaus Schönheit in zertretenem

und abgestorbenem Gras, in nackten Geröll-

feldern, in Flechten auf Stein,

in den Stielen des Ampfers, die aus der braunen Erde

sprießen.“ […]

Natur ist ein dominierendes Thema. Sehr präzise und prägnant beschreibt das lyrische Ich die Begegnungen mit und die Beobachtungen in der Natur, die teilweise bedrohlich und beunruhigend, dann aber auch wieder als schön, tröstlich und beruhigend erlebt wird. Entsprechend kann sich das lyrische Ich ausgeliefert fühlen oder den Moment genießen.

Überhaupt ist die Sprache nüchtern, fast ohne Metaphern. Eine metaphysische Überhöhung der Natur findet nicht statt. Berge, Bäume, Bäche, Meer und Himmel werden ebenso bildlich dargestellt wie Felsen, Gras und Moos, Licht und Wellen, Tag und Nacht.

Wie oft in der Lyrik spürt das lyrische Ich Einsamkeit und Verlassenheit:

DIE UMKEHR

„Unten am Fluss bin ich nochmal

der gleiche Junge, der ich vor

Jahrzehnte war, und ich spüre

die tiefe Unlust, die sich

in mir ausbreitet, wenn ich

auf den Schnee in den Bergen schaue.

Hier wollte ich nie sein.

Hier will ich immer noch nicht sein.

Ich drehe mich um und weine

auf dem Weg die Wiese hinauf, auf

dem Fußpfad, der hinauf

führt zu dem leeren Haus.

Dort wartet niemand

auf mich,

niemand auf irgendeinen.“

Doch es findet sich auch ein „wir“, die Isoliertheit ist nicht vollkommen.

[…]

„Der Wein, den wir

aus den Flaschen trinken,

ist trocken, und wir sprechen

nicht viel mit unseren

knisternden Zungen […]“

Dabei wird eine Begegnung von diesem Wir mit anderen Menschen oft gar nicht gewünscht:

[…]

„Das Meer ist grünlich, es

Ist sonnig und der Wind hier

oben heut. Auf gewundenen Pfaden,

die sich die sich durch Heidekraut

und anderen Pflanzenwuchs

schlängeln, wandern wir

in die Windstille hinab.

Wir bewegen uns langsam,

fast widerwillig, weil

wir nur ungern

auf Menschen stoßen wollen.“

Ein schönes Beispiel dafür, dass die Natur tröstlicher Rückzugsort sein kann, soll am Schluss dieser Präsentation stehen.

GEFÜHL

„Es genügt, einfach nur

da zu sein, einfach nur

ins Licht schauen zu können,

sich einfach ins Gras

zu legen, einfach nur

einen Vogel zu hören

Aber es reicht nicht,

dies zu wissen, man

muss es auch spüren

und das ist das Schwierigste

von allem“

Damit macht der der Autor, wie auch in vielen anderen der in diesem Band vereinten Gedichte, deutlich, dass er nicht nur die Natur selbst, sondern auch das Mensch-Sein in einer vergänglichen, sich aber wieder erneuernden Natur/Welt mit großer Sensibilität thematisiert.

Dem Elif Verlag ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar dieses wunderbaren Buches! Sehr einfühlsam und und mit feinem Gespür übersetzt von Jon Thor Gislason und Wolfgang Schiffer

Gyrdir Eliasson: Die Sprache der Möwen. Ausgewählte Gedichte; ELIF Verlag, 2025

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