Blume Vollmond

Fang Fang ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Chinas. Seit ihrem zweiten Lebensjahr lebt sie in Wuhan, der Stadt, die während der Corona Epidemie drei Monate lang total abgeriegelt war. In ihrem Internet-Blog schilderte sie das Leben in der Stadt während der Isolation und übte leise Kritik am Vorgehen der Behörden. Mit dem daraus entstandenen Buch: Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt (2020) wurde sie im Westen bekannt, in ihrem Heimatland aber zur Verräterin.

Sie hat nun praktisch Publikationsverbot, weshalb ihr neuer Roman „Blume Vollmond“ zuerst im deutschsprachigen Raum erscheint. Übersetzt und dafür gesorgt hat Michael Kahn-Ackermann, Sinologe nd Gründungsdirektor des Goethe-Instituts Peking. Er hat auch ein informatives Nachwort geschrieben, auf das ich später eingehen werde.

Blume Vollmond, auf chinesisch Hua Manyue, ist die verwöhnte Tochter einer sehr reichen Familie. Sie kennt nur eine Leidenschaft, das Mah-Jongg Spiel. Sie ist so besessen von dem Spiel, dass sie rund um sich herum jegliche Realität ausblendet. Hundert Runden im Spielsalon der Familie Chen haben ihr ihre Eltern zugesagt. 27 Runden sind noch zu spielen. Der Bedienstete ihrer Eltern, der Rikschafahrer Wang Vier soll das gnädige Fräulein holen und direkt zum Hafen bringen. Es ist Bürgerkrieg und ihre Familie flieht vor den anrückenden Truppen nach Taiwan, um sich in Sicherheit zu bringen.

Durch ihre Spielsucht verpasst Hua Manyue jedoch die Flucht. Die Folgen sind dramatisch. Der Koch A Gui und der Rikschafahrer Wang Vier bewahren sie vor Verfolgung und Tod. Zuerst hoffen sie auf die baldige Rückkehr ihrer Herrschaft. Als sie merken, dass die politischen Bedingungen sich anders entwickeln schweigen sie aus Angst, selbst Probleme zu bekommen. Hua Manyue muss aus Sicherheitsgründen, um nicht als Konterrevolutionärin verfolgt zu werden ihren Namen ändern. Für Jahrzehnte wird sie zu Yue Manhua, lebt unter primitivsten und schwierigsten Bedingungen und wird zudem die Ehefrau des Rikschafahrers, der im Transportwesen einen Job bekommt und zieht mit ihm einen gemeinsamen Sohn groß. Mutter und Sohn entwickeln überhaupt kein emotionales Verhältnis zueinander. Der Sohn kümmert sich in keiner Weise um seine Mutter und taucht erst wieder auf, als es nach ihrem Tod etwas zu erben gibt. Geldnot und Hunger sind ständige Begleiter Yue Manhuas.

Wie es dazu kommt, dass sie mit 80 Jahren wieder ihren richtigen Namen annehmen kann, dass sie wieder am Spieltisch sitzen und Mah-Jongg spielen kann, das ist eine unglaubliche Geschichte, die hier nicht gespoilert werden soll.

Fang Fang hat einen Roman geschrieben, in dem es keine sympathischen Personen gibt. Keiner ist fähig zu Empathie. In seinem Nachwort schreibt der Übersetzer, dass zwei Gefühle die Menschen in China beherrschen: Leidenschaft und Angst. Leidenschaft macht egoistisch, blind für das, was außerhalb dessen ist, worauf sich die Leidenschaft bezieht. Angst beherrschte und beherrscht alle. Sie schnürt ein und macht misstrauisch, unehrlich und angepasst. Wie soll da Mitgefühl für andere entstehen?

Der Plot ist chronologisch erzählt in klarer, unprätentiöser Sprache. Mit Härte und doch bewegend zeigt die Autorin anhand eines Einzelschicksals, hier eines Frauenschicksals, die großen Linien chinesischer Geschichte auf. Das macht das Buch wirklich lesenswert.

Verlag: Hoffmann und Campe. 167 Seiten

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