
Zwei große alte Männer – zwei sehr verschiedene Zugriffsweisen, Lebensbilanz zu ziehen.
Da ist die Autobiographie von Klaus Zehelein, einem der bedeutendsten Dramaturgen und Intendanten des deutschsprachigen Musiktheaters. Das Buch folgt den Stationen seines Berufslebens. In Kiel und Oldenburg begann seine beispielhafte Karriere. 1977 kehrte der Adorno-Schüler an seinen Studienort zurück und wurde für 10 Jahre Chefdramaturg an der Oper Frankfurt. „Zeit der Erfolge, Zeit der Kämpfe“ ist ein Kapitel überschrieben. Besonders die Anfangszeit war schwer dort, bis allen, die an der Oper arbeiteten, klar war, dass es um einen echten Neubeginn ging und kein „Weiter so“.
Es entstanden legendäre Opernaufführungen, Zehelein holte wichtige Regisseur/innen ans Haus, Oper und Chor wurden mit Preisen ausgezeichnet.
1991 bis 2006 war Klaus Zehelein Intendant der Oper Stuttgart. Ich kann als Stuttgarterin nicht verleugnen, dass mir die eine oder andere Nostalgieträne kam, als ich von dieser einmaligen, großartigen Zeit las. Fasziniert bin ich, wie gearbeitet wurde, mit welch intensiver Vorbereitungsarbeit eine Oper inszeniert wurde. Wichtig war Zehelein, mit philosophisch geschulten Augen, einen neuen Stoff gleichsam zu durchdringen, ehe ein Konzept dafür erarbeitet wurde, was nachher auf der Bühne zu sehen und zu hören war. Auch Stuttgart erlebte legendäre Opernabende. Auch Stuttgart wurde wiederholt Oper des Jahres.
Ich war kein Opernfan. In diesen 15 Jahren bin ich dazu geworden, ist mir klar geworden, dass Oper weder antiquiert noch verstaubt ist, sondern dass Oper exemplarisch Antwort auf existentielle Fragen für den modernen Menschen, für uns also, geben kann.
Eine Autobiographie, die zwar an Orte gebunden ist, aber mitreißend, unterhaltsam und allgemein die Bedeutung des Kunstgenres Oper für uns deutlich macht.
Ganz anders der britische Autor Juluan Barnes. Er erfährt von einer lebensbedrohlichen Krankheit und reflektiert über das Abschiednehmen vom Schreiben und das Abschiednehmen allgemein. Er tut dies auf besondere Weise.
„Manche deiner Bücher gefallen mir, andere aber nicht.“
„Das wundert mich nicht.“
„Dieses hybride Zeug da – ich halte das für einen Fehler. Du solltest entweder das eine oder das andere machen.“ (S.105)
Dieses Gespräch führt er mit einer alten Studienfreundin, deren fein erzählte Liebesgeschichte ein Element dieser Romancollage ist. Es gibt essayartige Passagen über das Erinnern, wie sehr Erinnerung Fiktion ist bzw. dazu gemacht wird und es gibt die Auseinandersetzung mit dem Tod. Freundschaft und Abschied, Liebe und Tod, den Menschen zutiefst berührende Themen sind in diesem literarisch anspruchsvollen und doch lesenswerten und berührenden Buch vereinigt.