
Der Autor Dario Ferrarri ist für mich neu und eine echte Entdeckung. Eine echte Entdeckung ist auch sein Roman „Die Pause ist vorbei“, ein Roman der vieles ist: Campusroman, Beschreibung des gegenwärtigen Italiens, Detektivgeschichte.
Für mich ist es ein komplexer, sehr gut konstruierter Roman, der auf zwei parallelen Zeitebenen spielt. Da ist Marcellos Jetzt-Zeit mit seinen Freunden, seinem Heimatort Viareggio, seiner Freundin Letizia, der Universität.
Marcello, Anfang dreißig, ist eigentlich nicht sehr ehrgeizig und kein Wissenschaftler. Da er jedoch keine Lust hat, in der Bar seines Vaters zu arbeiten, ist er froh, durch einen Zufall an ein Dissertationsstipendium in Italianistik zu kommen. Seine Freundin Letizia, Medizinstudentin, ist das genaue Gegenteil, organisiert, zielorientiert, effizient. Sie will, dass er endlich einen Sinn für den Ernst des Lebens entwickelt.
Die zweite Ebene ist die des Schriftstellers und Terroristen Tito Sella. Dessen literarisches Werk zu untersuchen, drückt Marcellos Doktorvater ihm als Thema auf. Er scheint ein spezielles Interesse an der Figur Sella zu haben. Sellas Zeit, die Zeit der bleiernen Jahre, in denen sich (nicht nur in Italien) außerparlamentarische politische Gruppierungen bilden und oft radikalisieren. Es ist raffiniert gemacht, wie sie sich durch Marcellos zunehmende Identifikation mit Sella verweben.
Wunderbar ist diese Ironie vor allem im ersten Teil, in der Marcello, dieser Antiheld, trotz aller Fußfallen des universitären Lebens, irgendwie durchzukommen versucht. Wer jemals ein Fach der Literaturwissenschaft studiert hat, wird verstehen können, dass ich mich über die Beschreibung dieses selbstreferentiellen Bereichs köstlich amüsiert habe, über Sätze wie: „So begreife ich erst jetzt in vollem Umfang, dass eine Universität eine eigene Welt voller Psychosen ist, in der alle unter einer schwer gestörten Realitätswahrnehmung leiden.“ (117) Immer wieder tauchen hier Formulierungen auf, die an den Literatur-Jargon erinnern. Man muss einfach lachen, wie treffend die übertriebene Selbsteinschätzung einiger Professoren beschrieben wird.
Mit dem zweiten Teil, in dem Marcello zu Beginn seines Paris-Aufenthaltes die Biografie Sellas schreibt und nach seinen Vorstellungen formt, beginnt dessen Identifikation mit Sella. Der Schreibstil ändert sich, das Mittel der Ironie tritt mehr in den Hintergrund. Dafür beeindruckte mich, wie Ferrari die Bildung der Brigade Ravachol beschreibt, deren Illusion, bestimmt zu sein, die Welt zu verbessern und die zunehmende Faszination ihrer Mitglieder von Radikalität. Das steht exemplarisch für alle diese APO-Gruppen.
Im dritten Teil dann die Überlagerung von Dissertation und Leben. Das ist psychologisch wirklich eindrucksvoll gemacht. In Paris gerät Marcello in Kreise mit radikalen politischen Ansichten. So ist es beispielsweise sowohl bei Sella als auch bei Marcello die Faszination durch eine Frau, in der beide die Revolutionärin sehen, dass sie sich mitziehen lassen zu radikale Handlungen und die Brücken zu ihrem bisherigen Leben abbrechen. Aber was findet Marcello in Frankreich über Sella und die anderen Brigade- Mitglieder heraus?
Dass sich für Marcello der Kreis mit einem Zurück in sein altes Leben schließt, wird erst in dem überraschenden Epilog verraten, wodurch der Plot insgesamt noch an Spannung gewinnt.
Mich hat dieses ironische und zugleich eindrückliche und von einer gewissen Melancholie geprägte Buch über zwei desorientierte Generationen absolut überzeugt. Ich kann es nur empfehlen.
Christiane Pöhlmann, Literaturkritikerin, hat den Roman ins Deutsche übersetzt.
Dem Wagenbach Verlag ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar.
Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei, Verlag Klaus Wagenbach, März 2026