
Ein Romanklassiker, vor gut 100 Jahren erschienen, vor gut 10 Jahren neu übersetzt – und trotzdem äußerst reizvoll und spannend zu lesen. Edith Wharton gehörte selbst zur New Yorker Oberschicht und wusste, worüber sie schrieb. Doch sie schrieb so gekonnt, packend und unterhaltsam, dass sie als erste Frau den Pulitzer-Preis bekam, später sogar die Ehrendoktorwürde der Elite Universität Yale.
1993 verfilmte Martin Scorsese den Roman, sodass er einem breiten Publikum bekannt wurde.
Geld oder Liebe, Pflicht oder Leidenschaft – der ehrgeizige New Yorker Anwalt Newland Archer muss sich entscheiden: Will er sein Leben mit May Welland teilen, einer jungen Frau aus gutem Hause, wohlhabend, hübsch und harmlos und wie geschaffen für sein berufliches Fortkommen? Oder steht er zu seinen Gefühlen für Mays Cousine Ellen Olenska, die im Begriff ist, gegen alle Konventionen zu verstoßen? Newland soll Ellen zur Vernunft bringen. Zwar hatte man gerüchteweise von ihrem dunklen und demütigenden Eheleben gehört, doch was nun getuschelt wird, empört New Yorks High Society nicht minder: Ellen will sich von ihrem Mann trennen und nach Amerika zurückkehren. Damit wäre sie kompromittiert und das Ansehen der Sippe würde leiden. Ein Verhalten, das durch nichts zu rechtfertigen ist. Eine Scheidung würfe zudem einen Schatten auf Newlands Verlobung mit Ellens Cousine May. Der junge Anwalt zaudert, seine Lebenspläne geraten ins Wanken, denn er verliebt sich unsterblich in die schöne und kluge Ellen. Gleichwohl gelingt es Archer nicht, sich aus den Zwängen der New Yorker Society zu befreien, zumal May, inzwischen seine Frau, ihm sagt, dass sie schwanger ist.
Mit Ironie, ja Sarkasmus beschreibt Wharton die Angehörigen der New Yorker Oberschicht sowie deren Regeln und Rituale. Diese sind ausnehmend starr und werden nicht hinterfragt. Im Gegenteil: Wer dagegen verstößt, dem droht soziale Ächtung. Über jedes Mitglied der Gesellschaft gibt es feste Vorstellungen und Wertungen. Doch die Autorin legt immer wieder ausführlich die Fragwürdigkeit dieser Ordnung dar. Sie ist kühle Beobachterin, zeichnet einige ihre Figuren sehr genau und einfühlsam, wie zum Beispiel Mrs. Mingott, die unkonventionelle alte Dame, andere werden eher karikiert. Newland Archer, der im Mittelpunkt des Romans steht, wird zur tragischen Figur, weil ihm klar ist, dass er weiter in einer Scheinwelt lebt und das eigentliche Leben, die Liebe, verpasst.
2015 aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andrea Ott. Sehr geschätzt habe ich zudem das informative Nachwort von Paul Ingendaay. Das Buch ist ein echtes Lesevergnügen!
Penguin Verlag, Taschenbuchausgabe