
Max, 63 Jahre alt, ist Ocularist. Er stellt künstliche Augen her. Augen, Blindheit und Blicke und E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ durchziehen den Roman.
Das Kunststudium hatte Max abgebrochen und das Geschäft seines Vaters übernommen, als seine Frau Cleo, Juristin, mit dem Sohn Philipp schwanger wurde, aber gerade ihre erste Arbeitsstelle angetreten hatte. Die Ehe hielt nicht, so wenig wie eine spätere Verbindung mit Yasemin, von der er eine Tochter, Lucia, hat. Zu beiden Frauen und zu beiden Kindern hat er ein gutes, ja freundschaftliches Verhältnis, mit Cleo und Philipp feiert er jedes Jahr Weihnachten, aber es ist klar, dass er in beiden Beziehungen derjenige war, der das Zusammensein nicht länger aushalten konnte und zum Scheitern brachte.
Der Roman beginnt mit einem Sommerfest an der Ostsee. Max sitzt mit anderen am Tisch und fragt um ein Gespräch in Gang zu bringen: „Was ist die Liebe?“ Die Frage wird im vorletzten Kapitel noch einmal auftauchen, und da wird Max das Gefühl haben, die Antwort zu wissen. Seine Tischnachbarn bei dem Fest gehen auf die Frage ein, versuchen Lösungen. Irgendwann hat Max genug. Mit einer Flasche Weißwein und einem Glas geht er auf dem Steg Richtung Wasser und setzt sich in einen der Liegestühle. Vom anderen Liegestuhl grüßt ihn eine weibliche Stimme. Sie reden miteinander, können sich aber erst dann nur kurz sehen, als ein Fischkutter kurz mit seinem Scheinwerfer den Steg erhellt. Sie heißt Anna, ist Meeresbiologin und etwa so alt wie er. So begann es mit ihnen.
Über WhattsApp Nachrichten halten sie Kontakt. Immer wieder treffen sie sich heimlich, kurz nur und leben ihre leidenschaftliche, ja selbstverständliche Liebe, die der Autor in allen Details beschreibt. Sie können nicht voneinander lassen. Doch Anna ist verheiratet. Sie hat zwar keine Kinder, doch sie zögert sich von ihrem Mann zu trennen, weil ihr sonst ihr bisheriges Leben als einziges Versagen vorkäme.
Christoph, ein alter Studienfreund, bringt Max bei einem Treffen ein Reclamheft mit einem Text von Hegel mit. „Die eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind“ heißt es da und es gibt weitere Ausführungen über die Vernichtung des Entgegengesetzten durch die völlige Hingabe, die Max tief bewegen.
Durch eine dumme, vom Alkohol bestimmte Idee von Max kommt es zu einer längeren Pause zwischen den beiden. Er fürchtet, wieder einmal eine Beziehung zerstört zu haben. Doch es gibt eine Art von Happy End. Eindrucksvoll, wie Hettche darüber schreibt, dass Liebe keine Altersbegrenzung kennt, wie er über Alter und Ende überhaupt reflektiert.
Ein schwebender, leichter und gleichzeitig sehr tiefgründiger Roman – ein gelungenes Gegenstück zu all den Coming-of-Age-Romanen.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2026, 165 S. 22 €