
Auf dem Cover prangt kein Spiegel-Bestseller Aufkleber. Diese Novelle ist etwas für literarische Feinschmecker.
„Im Laufe seiner schlimmsten Nacht auf hoher See biss Großvater ins Bild seiner Liebsten, die er in Europa zurückgelassen hatte, und erfuhr Linderung dadurch. Amelie hatte am Tag seiner Abreise versteinert am Gleis gestanden, als er im Frühzug an ihrem Elternhaus vorbeigedonnert war und sein Taschentuch im Wind hatte flattern lassen.“
Mit diesen Sätzen beginnt die Erzählung über Johann Zeiter, den jungen Schweizer, der nach dem Zweiten Weltkrieg der Trostlosigkeit Europas entkommen will und von einem Leben als Gaucho träumt.
Doch wegen starken Heuschnupfens kann er diesen Beruf nicht auf Dauer ausüben. Zwei Jahre später besteigt er wieder ein Schiff und kehrt in die Heimat zurück. War es Heimweh? War es Sehnsucht? Zuvor verfällt er in Buenos Aires jedoch der Leidenschaft des Tangos. Über diese Zeit erfährt man so gut wie nichts. Erst einmal.
Nach seiner Rückkehr „der Argentinier“ genannt, heiratet er Amelie und arbeitet als Lehrer in seinem Heimatort. Sein Fernweh kompensiert er durch die Gestaltung der Klassenzimmer:
„Großvater schuf nach seiner Heimkehr in all seinen Unterrichtszimmern ein innerschulisches Klima wie in Afrika. Eisberge wie in Patagonien. Einen blühenden Frühling wie in der Wachau.“
Tango tanzt er nicht mehr. Nur einmal, bei der Hochzeit seiner Enkeltochter Lena, tanzt er mit ihr einen Tango, atemberaubend sei der gewesen, die reine Verzückung, das reine Glück. Der Tango wird zum Symbol der Männlichkeit. Großvater sticht nicht nur damit, sondern auch menschlich den Bräutigam aus, ein erstes Zeichen, dass Lenas Ehe nicht von Dauer sein wird.
Damit komme ich zur Rahmenerzählung. Lena erzählt auf einem Klassentreffen dem Ich-Erzähler die Geschichte ihres kürzlich verstorbenen Großvaters. Abgesetzt von den anderen sind sie ganz darin vertieft. So wechselt sprachlich der Indikativ in der Rahmenhandlung zum Konjunktiv der Erzählung. Das ist eine raffinierte Konstruktion, die den Reiz dieser exzellent erzählten Novelle noch erhöht.
Nach Großvaters Tod findet man in seinen Unterlagen Aufzeichnungen über die Zeit in Buenos Aires und über eine große Liebe, die er dort zurückgelassen hat.
Lenas Erzählung ist zu Ende, aber noch nicht das Buch. Es schließt mit den Sätzen:
„Da packte sie mich kurzerhand am Ärmel und führte m ich aufs Parkett, wo sich schon einige Paare drehten: „Tango!“, rief sie in den Saal und nahm mich in die Pflicht.“
Eine absolute Leseempfehlung!
Von Beatrice von Matt ist ein sehr informativer Beitrag über den Argentinier beigefügt.
Klaus Merz, Der Argentinier. Haymon Verlag, 96 Seiten.