Armes Ding

Matias Faldbakken entstammt einer Künstlerfamilie: Sein Vater ist der Schriftsteller Knut Faldbakken, seine Mutter die Kunsthandwerkerin/ Keramikerin Gro Skåltveit. Offensichtlich hat er von beiden Elternteilen das Talent geerbt, denn er ist sowohl ein angesehener bildender Künstler, dessen Arbeiten – Videoarbeiten, Installationen, Skulpturales, Collagen – international in bedeutenden Galerien zu sehen sind und ein Schriftsteller, der so ganz seinen eigenen Weg geht, nicht um speziell zu wirken, sondern weil dieser eigene Weg der einzig denkbare und für ihn passende ist.

Er versteht sich als bildender Künstler, der schreibt, als einer, wie er selbst formulierte, „der sich die Form des Romans von Zeit zu Zeit ausleiht“. Sein zuletzt ins Deutsche übersetzter Roman „Armes Ding“ ist eine Kaspar-Hauser-Geschichte der besonderen Art.

„Ein einsamer Waisenjunge namens Oskar arbeitet hart auf dem abgelegenen Hof von Aud und Olav Blum und bekommt dafür Kost und Logis. Er entdeckt im Wald ein wildes Kind, das er einfängt und mit nach Hause nimmt. Der vermeintliche Junge entpuppt sich als ein Mädchen, das, so erklärt der Dorfarzt nach einer Untersuchung, unter so etwas wie einer pubertären Wachstumshemmung leidet. Es sieht aus wie neun oder zehn, ist aber eher achtzehn. Sobald aber der Stress abnimmt, wächst das Mädchen blitzschnell. Es blüht auf und wird zu einer Schönheit, erleidet aber auch immer wieder Zusammenbrüche. Die Bauern helfen Oskar, sie vor anderen Hofbewohnern zu verbergen. An einem Abend aber verführt sie Oskar, und die beiden beginnen eine heimliche Affäre. Als das Verhältnis entdeckt wird, müssen sie fliehen. Nach einer abenteuerlichen Reise durch die norwegische Wildnis gelangen sie nach Oslo zu Tommy, dem Sohn von Olav und Aud, der sich von seinen Eltern entfremdet hat. Er nimmt sie bei sich auf. Tommy Blum ist Akademiker und erkennt in dem jungen Pärchen ein großes Potenzial. Doch dann eskaliert die Lage…“ (Klappentext)

Außenseitertum, Identität, das Streben dazuzugehören und die Reaktion der Gesellschaft, wenn das Verhalten abweicht, sind zentrale Themen dieses Textes. Das Buch handelt auch von der Verlockung, einen anderen Menschen zu formen und ihn auszunutzen nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Das Wilde, Ungezähmte wird konfrontiert mit dem Verfeinerten, Kulturellen.

Der Gegensatz vom überschaubaren, vertrauten Dorf und dem raschen Pulsschlag und der Hitze der Großstadt werden deutlich. Diese Gegensätze sind nicht neu in der Literatur. Aber einmalig ist, WIE Faldbakken sie beschreibt. Im Hintergrund dieser Gegenpole gibt es die zerbrechliche Liebesgeschichte zwischen Oskar und dem Armen Ding, das sich in Oslo „Sonder“ nennt.

Der Autor hat die ganze Story in kurzen Szenen dargestellt, oft auch in kurzen Sätzen. Immer ist die Sprache klar, bestimmt, ohne Sentimentalitäten. Formulierungen, die an die Bibel erinnern wechseln mit leiser Stichelei und Ironie bis hin zu Derbheit.

Man kann das Buch als Gesellschaftskritik lesen, aber das wird dem literarischen Vermögen Faldbakkens nicht gerecht. Es gibt mehr als eine Erzählebene. Neben der anschaulichen Prosa, die die Geschichte der Menschwerdung des Armen Dings erzählt, gibt es eine nicht voraussagbare, relativierende, sozusagen eine Saga-Ebene. So zum Beispiel S. 14, wo der alte Annar vom Hof eingeführt wird: „Der alte Annar war wirklich alt. Er war aus einer anderen Zeit und behauptete, 1880 geboren zu sein. Würde die Geschichte im Jahr 1980 spielen, wäre Annar hundert Jahre alt. Nicht, dass es 1980 gewesen wäre, insofern ist es unmöglich, genau zu sagen, wann es war.“

Ob man nun also „Armes Ding“ als Märchen, Formexperiment, Allegorie oder Gesellschaftskritik liest – immer hat man eine fesselnde Geschichte, die niemand unberührt lässt und ein überwältigendes Leseerlebnis.

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