Schwebende Lasten

„Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr nachging bis zum Lebensende.

Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand.“ (Klappentext)

Aber war die Welt, wie Hanna Krause sie erlebte, je zu verstehen? Annett Gröschners Roman ist eine phantastische Geschichtsstunde, hat nicht die Entscheidungsträger der großen Politik im Blick, sondern schreibt aus der Perspektive einer sogenannten einfachen Frau, 1913 geboren und Mitte der 1990er Jahre gestorben, deren Schicksal exemplarisch für Millionen Frauen dieser Generation stehen kann. Aus Hannas Alter ergibt sich, dass zwar Handlungsort des Romans und der Geburtsort der 1964 geborenen Autorin identisch sind, dass es sich aber nicht um einen autobiografischen Roman handelt. Hier werden die Lebenserfahrungen der fiktiven Person Hanna erzählt.

Die geht trotz teilweise massiver Schwierigkeiten das Leben pragmatisch an und bringt so ihre sechs Kinder und den später invaliden Ehemann durch. Sie zaudert nicht, ist eine, die tut. Selbst ihre überschüssige Muttermilch tauscht sie in der Zeit direkt nach dem Krieg gegen Kohlen und Nahrung.

Während der Zeit des Nationalsozialismus ist sie Blumenbinderin und das mit Leib und Seele. Sie entwickelt sich zu einer großen Könnerin, deren Ruf über das eher ärmliche Viertel hinausgeht. So kommt eines Tages im Jahr 1938 ein Mann zu ihr, der eine Postkarte mitbringt, auf der ein Blumenstillleben des Niederländers Ambrosius Bosschaert abgebildet ist. So einen Strauß möchte er bei ihr bestellen, doch das ist nicht realistisch, weil die abgebildeten Blumen nicht gleichzeitig blühen. Es gelingt ihr ein wunderschöner, ähnlicher Strauß, der von dem Kunden aber nicht abgeholt wird. Oder nicht abgeholt werden kann? Die Autorin lässt das offen.

Auch wenn das Leben später eine ganz andere Wendung nimmt, bleiben Blumen doch Hannas große Leidenschaft und ihr immer in besonderer Weise vertraut. Das spiegelt sich im Roman wider. Jedem Kapitel ist die Beschreibung einer Blume vorangestellt, 25 insgesamt, von Szilla bis zur Zwergsonnenblume und wenn man will, kann man diesen Strauß vor dem geistigen Auge entstehen lassen.

Der Blumenladen geht im Krieg unter. Magdeburg ist nicht wiederzuerkennen, ein Trümmerfeld. Hanna wird Kranführerin, eine der wenigen. Doch auch hier entwickelt sie ein besonderes Geschick, was von den männlichen Kollegen durchaus gewürdigt wird.

Annett Gröschner erzählt deutsche Geschichte und deutsch-deutsche Geschichte ohne alle Sentimentalität und Psychologisierung, detailliert und genau. Trotzdem ist man gefühlsmäßig berührt, vielleicht sogar ergriffen. Ein meisterhafter Roman, der einer Frau ein Denkmal setzt, die vom Leben nicht verwöhnt worden ist und den ich nur empfehlen kann.

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