Sanditz

Deutsche Geschichte projiziert auf die Familie Wenzel, die in Sanditz, einer fiktiven Kleinstadt in der Lausitz lebt. Die Familie, das sind die Großeltern Erika und der verstorbene Norbert Wenzel, deren Kinder Dirk und Marion, sowie Marions Zwillinge Maria und Tom. Marion ist verheiratet mit Roland Maschnik, der nicht der leibliche, sondern der soziale Vater der Kinder ist.

Roland ist es nicht gelungen, sich in die Familie zu integrieren; er ist gleichsam ein abwesender Vater. Besonders Tom hat unter dieser Abwesenheit gelitten. Aber Roland, der seine Homosexualität nicht ausleben kann, ist emotional eigentlich an den Hilfskoch Achim gebunden und hat Marion nur aus freundschaftlichen Gefühlen heraus geheiratet, nachdem sie von einem verheirateten Mann geschwängert worden war. Nach Rolands Hochzeit verschwindet Achim und taucht erst viel später schwerkrank wieder auf.

Tom war Polizist, wurde aber unehrenhaft entlassen, weil er sich mit Demonstranten verbündet hat. Er lebt isoliert, weil er Impfgegner ist, seine Wohngemeinschaft auseinandergebrochen und seine Beziehung zu seiner Freundin Caro zerbrochen ist. Er hat eigentlich ein trostloses Schicksal. Später wird er als Freiwilliger im Ukrainekrieg kämpfen und umkommen.

Norbert war Orgelbauer, durfte in den Westen reisen, allerdings nicht ohne der Stasi gefällig sein zu müssen. Aber er konnte in die DDR verbotene Bücher reinschmuggeln, die durch Abschriften Verbreitung fanden.

Seine Frau Erika widmet sich nach seinem Tod ganz der freikirchlichen Gemeinde und der Versorgung von Dirk, der traumatisiert vom Wehrdienst zurückkam, unter einer schweren Depression leidet und nicht die einfachsten Alltagsaufgaben bewältigt.

Dirks Nichte Maria, die zum Studium in Kasel war, ist zurückgekehrt und arbeitet als Journalistin. Es hat ihr nicht gefallen im Westen, zumal sie immer und ausschließlich als Person aus den neuen Bundesländern gesehen wurde, sodass sie sich nur nach als „Mandy aus Dresden“ ausgab.

Die Familie Wenzel lebt in zwei Flachdachbungalows an der Straße außerhalb von Sanditz. Sie waren vom Tagebau aus ihrem Dorf vertrieben worden. Vieles war ihnen von der DDR-Regierung versprochen worden wie Kindergarten oder Schule, aber nichts wurde eingelöst. Die Enttäuschung setzt sich fort in der Nachwendezeit, in der es statt blühender Landschaften zunehmend Abwanderung und Arbeitslosigkeit gibt.

Der Plot steht in zwei Zeitebenen, einmal von 1978 bis 1998 im Präteritum, also über die Vor- und die Nach-Wende-Zeit. Dann noch die Coronazeit von 2021 bis 2022 mit ihrem ersten strengen Lockdown. Die steht im Präsens.

Erzählt wird episodenhaft in einer wunderbaren, geschliffenen Sprache. Die Dialoge sitzen.

Trotzdem wankte meine Überzeugung für dieses Buch vor allem in Bezug auf die Vorwendezeit. Die DDR wird als krank machendes Monster, als von der Stasi beherrschtes Gefängnis dargestellt. Das ist konsequent durchgehalten. Aber es sind so viele Themen reingebracht, Reisebeschränkungen, Bespitzelung, verbotene Bücher, Vertreibung durch den Tagebau, Behinderung der kirchlichen Arbeit, NVA, … dass nach meinem Dafürhalten weniger mehr gewesen wäre.

Außerdem gibt es auf dieser Zeitebene Personen wie die Marmeladenpfarrerin, die mutig und tapfer auch gegen die Regierung agiert, wenn sie Menschen helfen kann, oder die Geschwister Haufe, die unermüdlich die verbotenen Bücher auf alten Schreibmaschinen abtippen, damit viele Menschen sie lesen können. Sie verschwinden plötzlich wieder, genau wie der neue Sparkassendirektor aus dem Westen, Peter Schulte, der seine Frau im Sauerland zurücklässt und große Pläne für Sanditz hat. Maria erscheint nach der Wende auch fast nicht mehr. Wie lose Fäden bleiben die Erzählstränge um diese Menschen hängen. Wie ging es mit ihnen weiter?

Der Focus liegt auf den Männerschicksalen, den Schicksalen von Roland, Tom und Dirk. Nur für Dirk nimmt es eine positive Wendung. Nach dem Tod seiner Mutter kann er sich aus seiner Depression befreien, kann sich auf einer Reise nach Rügen, wo er einst als Bausoldat schikaniert wurde, von seinen traumatischen Erinnerungen befreien und mit Hilfe einer Frau, in die er sich verliebt, ein neues Leben beginnen.

Der Roman erinnerte mich an Lutz Seilers „Kruso“, vor allem in den Passagen über Roland und Achim und an Uwe Tellkamps „Der Turm“. In Sanditz ist man allerdings nicht im großbürgerlichen Dresden sondern im Arbeitermilieu der Lausitz.

Ein pralles Geschichtspanorama, mit fein beobachteten Charakteren, pessimistisch aber sehr gut geschrieben.

Lukas Rietzschel: Sanditz, dtv-Verlag, 2026, 476 S., 26 Euro

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