
Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine „Lebensentscheidung“ und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Sein jahrelanger Einsatz für den Green Deal war umsonst. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, der Geliebten aus altem „EU-Adel“, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung hat, über die gemeinsame Zukunft misslingt. Dann treten wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Befund: Bauchspeicheldrüsenkrebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen: „Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.“ Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger, als erwartbar wäre? Schlussendlich stirbt er, fast mythologisch, in den Armen seiner Mutter.
Die Lebensentscheidung ist ein schmaler, gedanklich dicht gepackter Text, eine Novelle, die meisterhaft alle Merkmale dieser Literaturgattung aufweist. Menasse greift darin ein zentrales Motiv seines Gesamtwerks auf: die Spannung zwischen individueller Existenz und gesellschaftlicher Ordnung, zwischen biografischem Zufall und ideologischer Konstruktion von Sinn.
Stilistisch bewegt sich der Text zwischen essayistischer Schärfe und literarischer Verdichtung. Menasse argumentiert, reflektiert, widerspricht sich mitunter selbst – und genau darin liegt ein Teil der ästhetischen Qualität. Seine Sprache ist präzise, mitunter polemisch, aber immer kontrolliert.
Die Figuren bleiben oft abstrakt, fast funktional. Wer von der Literatur vor allem emotionale Identifikation oder erzählerische Dynamik erwartet, könnte den Text als spröde oder distanziert empfinden. Die intellektuelle Strenge geht mit einer gewissen Kälte einher. Dennoch liegt gerade in dieser Strenge die Stärke des Buches. Die Lebensentscheidung ist keine leicht konsumierbare Lektüre, sondern fordert zur aktiven Auseinandersetzung heraus. Es ist ein Text, der weniger Antworten gibt als Denkprozesse anstößt – typisch Menasse: politisch grundiert, philosophisch, ambitioniert und literarisch eigenwillig.
Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Suhrkamp 2026, 22 €