Monstergott

Die Autorin Caroline Schmitt entwirft in Monstergott ein Bild religiöser Enge, das zugleich verstörend und überraschend menschlich wirkt. Der Roman begleitet abwechselnd je kapitelweise die Geschwister Ben und Esther, die durch ihre Eltern in einer freikirchlichen Gemeinschaft aufgewachsen sind und beginnen, die moralischen Regeln ihrer Glaubenswelt infrage zu stellen. Dabei erzählt Schmitt nicht einfach eine Abrechnung mit Religion, sondern untersucht, wie tief Schuld, Scham und Sehnsucht nach Zugehörigkeit in das Denken ihrer Figuren eingreifen.

Besonders überzeugend ist die psychologische Genauigkeit des Romans. Die Autorin gehörte selbst einer Freikirche an, kennt also die Regeln und Eingrenzungen sehr genau, hat sie selbst erfahren.

Ben und Esther erscheinen nie als bloße Opfer eines repressiven Systems, sondern als widersprüchliche Menschen, die ihren Glauben gleichzeitig lieben und fürchten. Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Buch seine literarische Stärke. Schmitt beschreibt religiöse Rituale und Sprachmuster mit scharfem Blick, ohne ihre Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die zwischen Ironie, Mitgefühl und unterschwelliger Bedrohung schwankt.

Sprachlich arbeitet der Roman mit einer klaren, direkten Prosa, die moderne Religiosität präzise einfängt. Besonders gelungen erscheinen mir die Szenen, in denen Social-Media-Ästhetik, Popkultur und evangelikale Frömmigkeit miteinander verschmelzen. Der Pastor in Sneakern und die auf Instagram inszenierte Spiritualität wirken nicht überzeichnet, sondern erschreckend glaubwürdig. Schmitt zeigt damit, wie religiöse Gemeinschaften sich zeitgemäß präsentieren können und dies auch tun, während im Inneren traditionelle Machtstrukturen fortbestehen und gar nicht in Frage gestellt werden, wie z. B. die Rolle der Frau.

Thematisch kreist Monstergott um Selbstbestimmung, Sexualität und die Frage, ob Glaube Befreiung oder Unterdrückung bedeutet. Der Roman kritisiert fundamentalistische Strukturen deutlich, vermeidet jedoch einfache Antworten. Gerade darin liegt seine Qualität: Schmitt macht sichtbar, warum Menschen trotz Schmerz und Einschränkung an ihrem Glauben festhalten bzw. dies zumindest versuchen. Religion erscheint ihnen nicht nur als Instrument der Kontrolle, sondern auch als emotionaler Schutzraum.

Kritisch anmerken lässt sich, dass manche Konflikte sehr deutlich auf gesellschaftliche Debatten zugeschnitten wirken und meiner Ansicht nach zu breit beschrieben werden. Einige Dialoge transportieren ihre Botschaften mitunter etwas zu direkt, wirken fast flach, wodurch einzelne Passagen eher argumentativ als literarisch geraten sind. Dennoch verliert der Roman nie sein emotionales Gewicht.

Insgesamt ist Monstergott ein unterhaltsam geschriebener Gegenwartsroman über Glauben, Macht und Identität. Caroline Schmitt gelingt es, religiöse Sozialisation nicht nur kritisch, sondern auch menschlich komplex darzustellen. Das Buch macht deutlich, wie oft Religion mit Moral verwechselt wird. Es überzeugt durch psychologische Tiefe, gesellschaftliche Relevanz und eine Sprache, die zugleich nüchtern und eindringlich ist.

Catroline Schmitt: Monstergott, park x ullstein Verlag, 2025, 23,00 €

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